Nachdem er Neues von Herrn Gernhardt gelesen hatte

Letztes Jahr (2017) erschien der postume Band „Der kleine Gernhardt“: Darin sind transkribierte Auszüge aus Robert Gernhardts Notizbüchern (die er von 1970 bis 2006 führte) enthalten.

An der Publikation kann man nicht nur lernen, wie eine fragwürdige Edition aussieht (Kommafehler wurden z.B. beibehalten, während Kürzungen, die die Herausgeber vornahmen, nicht vermerkt wurden), sondern erhält einen aufschlussreichen Eindruck davon, wie Gernhardt sich selbst wahrnahm.

Aber lassen wir ihn selbst sprechen. Zitate marsch!

Der sympathische Herr Gernhardt

„Ich trat auf, war, da ich mich kurz gesammelt hatte, ziemlich präsent, sah, daß das Auditorium zu kriegen war; und siegte: Soviel Freude und Zuspruch hatte kein Vorgänger, hat kein Nachfolger erregt.“ (S. 27)

„Als im Haus des Ex-Universitätspräsidenten Werner Meißner das Gespräch auf meine Anstrengungen kommt, den Freiburger Ehrendoktor in meinen Pass eintragen zu lassen […]“ (S. 45)

„Ich halte dagegen, dass mich diese Ablehnung nicht kränke: Ich hätte doch alle Preise meines Spektrums abgesahnt, Kästner, Brecht, Ringelnatz, Heine: Da dürfte der Hölderlin-Preis ruhig an die Seriösen gehen“ (S. 49)

„Michael Krüger auf meine Mitteilung: Hab Ehrendoktor –:
Hätt‘ ich auch gerne.
Dann halte ich entgegen, daß ich noch zum Mitglied einer Akademie gekürt worden sei. Krüger zieht einen Zettel aus der Tasche und notiert etwas: Das kriegen wir schon hin.
Das ist ein Jahr her. Nichts ist erfolgt.
Aber Rühmkorf hat den Büchner-Preis bekommen.“ (S. 73)

„Nur soviel, daß ich diese Halsstarrigkeiten, dieses ‚Ich weiß, was ich kann und ihr anderen könnt mich mal‘ nicht nur bei bei Kollegen beobachte, sondern auch bei mir. Mit dem Unterschied, daß ich vermute, daß die Kollegen – einige zumindest – in dieser Meinung im Unrecht sind und ich im Recht bin.“ (S. 98)

G. fragt mit Bezug auf sich selbst: „Wo verläuft die Grenze zwischen Klassiker und Klassikeranwärter?“ (S. 102)

„Aber mit mir könnse es ja machen, die Kollegen: Dem einen schreib ich ein Nachwort (Pfarr), dem anderen eine Kritik (Poth), dem dritten, vierten ein Vorwort (Sowa/Goldt), dem fünften eine Ausstellungseröffnung (Waechter), doch wer mir was? Niemand, denn: ‚Keine Sau will mehr rühmen, jedes noch so dumme Schwein will berühmt werden.'“ (S. 104) [Anm.: Gernhardt zitiert sich mit dem letzten Satz selbst.]

„Plötzlicher Verdacht: Joachim Kaiser weiß immer noch nicht, wer ich bin.“ (S. 151)