Poetry Slam und Wertungsdiskurs

Boris Preckwitz, einst Vordenker einer Interaktionsästhetik des Poetry Slam, tritt inzwischen als scharfer Kritiker der gegenwärtigen deutschsprachigen Bühnendichtung auf. Bereits vor zwei Jahren fragte er mittels der Szene-Plattform Myslam danach, ob Slam »Opfer seines eigenen Erfolgs werde». Sein damaliges Ansinnen, denselben

»kritische[n] Impetus, der für die Herausbildung des Slam entscheidend war, [] konsequenter Weise einmal gegen den Slam selbst zu wenden,«

hat er nun in der Süddeutschen Zeitung unter der aussagekräftigen Überschrift »Mehr und mehr eine Farce« mithilfe mittelschweren Theoriegepäcks (Foucault, Habermas et al.) in die Tat umgesetzt.
Preckwitz kritisiert, heutige Slam-Veranstaltungen und deren Darbietungen seien auf ein größtmögliches, maximal unterhaltungswilliges Publikum ausgerichtet, infolge gehe die literarische und gesellschaftskritische Qualität und damit der ursprüngliche Impuls der Slam-Szene vollständig verloren.
Die Motivation vieler Slammer, sich auf die Bühne zu begeben, sieht er entsprechend in narzisstischen Motiven verwurzelt; aber auch die didaktische Einbindung von Slam Poetry im Schulunterricht und gefühlte Kommerzialisierungstendenzen kommen schlecht weg.
Seine Argumente in Auszügen:

„Gerade in Deutschland wurde der Slam zum Sprachrohr eines affirmativen gesellschaftlichen Milieus. […] Die Lesezeit von meist fünf Minuten, die den Auftretenden für ihre Performance eingeräumt wird, führt zu Darbietungen, die ein Publikumsverständnis im Sekundentakt anstreben: schnell zugängliche, massentaugliche Instant-Sprechtexte. […] Slam-Prosa stellt eine Einverständnis heischende Textform dar, deren Hauptmerkmal darin besteht, dass sie ihre Mehrheitsfähigkeit intoniert. […] Der Performer, der den Genuss seines Größenselbst sucht, existiert erst durch den bestätigenden Blick des anderen. […] Vielen für den Live-Vortrag verfassten Texte eignet eine Unterkomplexität, die dem ungeschulten Ohr nicht bewusst wird. […] Die seriellen Rap-Rhymes, wie auch die Refrains und Repetitionsverfahren des spoken Word nähern sich dem Prinzip der Werbung an, demzufolge eine Botschaft nur oft genug wiederholt werden muss, um anzukommen. […] Konnte sich der Slam anfangs noch als Ausdruck literarischer und sozialer Dissidenz ausgeben, so ist er längst zu einem Mittel schulischer Didaktik geworden.“

Preckwitz war schon vor zwei Jahren entgegnet worden, er müsse genauer differenzieren, solle Kategorien nicht verwechseln bzw. verallgemeinern und genauere Fallbeispiele aufführen. Slam-Poet Lars Ruppel konterte damals süffisant:

»Im Grunde ist die Szene immer noch in der Lage, denselben kritischen Impetus, der für die Herausbildung des Slam entscheidend war, konsequenter Weise gegen Beiträge mit unfundiert kritischen Impetus selbst zu wenden.«

Auch als Reaktion auf den SZ-Artikel meldeten sich zahlreiche Szeneteilnehmer zu Wort. Chris Weil etwa schrieb, er sehe den Zweck einer Slam-Veranstaltung nicht so sehr in ihrem gesellschaftskritischen Potential, sondern in ihren persönlichkeitsbildenden und sozialen Wirkungen; unter anderem darin,

»[j]ungen Menschen eine Stimme [zu] geben, damit sie 5 Minuten Zeit haben gehört zu werden, ihre Meinung zu einem Thema zu äußern, eine Geschichte zu erzählen, eine bestimmte Rolle zu spielen oder einfach nur […] ein Gedicht vorzutragen.«

Auf welche Seite man sich auch in dieser Wertungsdebatte auch schlagen mag: Fest steht, dass beide Seiten genauere, fallspezifischere und damit auch persönlichere Kriterien für das ästhetische und auch soziale Gelingen oder eben Nicht-Gelingen eines Slam-Auftritts liefern werden müssen.
Mit beispielhafter wissenschaftlicher Gründlichkeit gelang dies beispielsweise vor fünf Jahren dem Literatursoziologen Stephan Ditschke: An der dort praktizierten Genauigkeit und größtmöglichen Objektivität mögen die momentanen Diskutierer und Diskursivierer sich ein Beispiel nehmen (auch wenn man dafür nicht gleich in Wissenschaftsprosa verfallen muss).