Postillon-Kritik-Kritik

button-postSPON-Autor Arno Frank hat die Fernsehumsetzung bzw. -verlängerung der Satirewebseite »Der Postillon« nicht gefallen. Er kann aber nicht sagen, warum. Sondern muss auf schlichteste Wertungen und falsche Beobachtungen (hier nur auszugsweise) zurückgreifen:

Erzählt wird von einer Mutter, die bei der Geburt vertauscht wurde. Oder von einem Punk, der »jetzt auch« EC-Karten akzeptiert. Oder die Ehefrau, die wegen des Tinnitus ihres Mannes nicht einschlafen kann. Naja. […] Die Pointen sind so weit hergeholt, dass man sie auch schon von Weitem kommen sieht. […] Sprachwitz lässt nach, wenn er Darsteller braucht. […] Wirklich lustig im Sinne von »dem Humor preisgegeben« war im Grunde nur der Wetterbericht am Ende [etc.]

Die Unfähigkeit fast aller JournalistInnen, präzise und begründet zu erörtern, warum etwas komisch sein könnte oder nicht, ist schon Anno Gernhardt so präzise und begründet erörtert worden, dass man ebd. alles Wichtige nachlesen darf und sollte.
Woran aber hakt es in Arno Franks Beispiel?
Daran, dass a) ein ertragreiches Nachdenken über Humor durch wertende Nullfloskeln (wie »naja« oder »wirklich lustig war nur«) ersetzt wird, die beim Bürosmalltalk problemlos angehen, im Kulturteil einer (Online-)Zeitung aber nicht die Regel sein sollten. Neuer subjektiver Journalismus hin oder her.
Warum genau wird etwas komisch gefunden? Oder nicht? Wer hier nur »naja« sagen kann, hat nichts zu sagen.
Daran, dass b) sprachlich geschlampt wird: Eine »weit hergeholte Pointe« ist natürlich genau das Gegenteil eines Witzes, den man »schon von Weitem kommen sieht«. Erstere trifft den Betrachter vollkommen unerwartet (und funktioniert oft ausgezeichnet), Zweiterer gerade nicht.
Oder wusste Autor Frank das gar, konnte aber selbst der Versuchung nicht widerstehen, so etwas wie Sprachwitz zu beweisen? Ein Schelm.
Dass, dass c) nicht genau hingesehen wird: Natürlich haben die Meldungen des Online-Postillon keinen »erleichternden Dreh ins Sinnfreie«, wie Frank behauptet, sondern überführen – wie jeder Witz – einen bestehenden in einen neuen Sinnzusammenhang. Das sinnfreie Komik überhaupt nicht existiert, hätte beispielsweise ein Blick in Peter Köhlers einschlägige Dissertation nahegelegt.
Sowie d) an schlichter Unkenntnis, oder schlimmer, Gedankenlosigkeit: »Sprachwitz lässt nach, wenn er Darsteller braucht«; als hätte es Woody Allen, Otto Waalkes, Bully Herbig u.v.a. nie gegeben.

Versäumt auch: Die ertragreiche Gelegenheit, auf die lange Tradition deutschsprachiger Nachrichtensatire bzw. -parodie hinzuweisen. Dass der »Postillon« seine wesentlichen Impulse der US-amerikanischen »Onion« verdankt (zu nennen wäre übrigens auch »Daily Mash»), wurde wiederholt bemerkt (u.a. von der Titanic-Humorkritik). Gerade im Hinblick auf die Fernsehumsetzung wäre aber über den »Spocht« von »RTL Samstag Nacht« ebenso zu sprechen gewesen wie über Anke Engelkes Funktion in der »Wochenshow«, über Jo Brauner und »Das Ernste«, die »Heute Show« und »Switch Reloaded«; ja, man hätte über »Rudis Tagesshow« (1981-87) gedanklich und analytisch zurückreisen können bis zu Evelyn Hamanns knithliger Programmansage (»Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth« usf.), die auth dem Jahr 1977 datiert.

Und wäre schließlich bei Friedells und Polgars »Böse Buben Journal« von 1921 angelandet, wo sich folgende Meldung fand, die auch noch im Postillon bella figura machen würde:

Sensationeller Mangel an Neuigkeiten! Belanglose Meldungen aus vielen Hauptstädten. – Depeschen von unerhörter Nichtigkeit eingetroffen.
Wie sich die Leser aus dem Inhalt unserer heutigen Nummer überzeugen werden, sind wir in der Lage, mit allem Nachdruck und den größten Lettern mitzuteilen, daß wir gar nichts Neues zu berichten haben.

Nachtrag: Ein wenig mehr Mühe gegeben hat sich Fr. Schwilden von der »Welt«; aber auch dort: haltlose Vergleiche (»so witzig wie ein Prosecco vom Vortag«; also sei Prosecco jemals witzig gewesen) und Nullsätze, die subjektiv bewerten, statt zu analysieren:

Würde man das auf »Der Postillon« lesen, wäre das sehr lustig, weil Stefan Sichermann lustig ist, die filmische Umsetzung aber ist schlichtweg nicht lustig.

Nachtragnachtrag: Lesbares zur gleichen Causa schreiben auch Tagesspiegel, RP online, die WAZ, Oliver Jungen in der FAZ sowie der schätzenswerte David Hugendick auf ZEIT online, der wohl am besten gesehen hat, was das Problem der gestrigen »Postillon«-Fernsehpremiere gewesen sein könnte:

Das ursprüngliche Format wird eingehegt in ein öffentlich-rechtliches Humorreservat und die Scherznachrichten werden von ihrem Verbreitungskanal abgeschnitten, so dass sie keine Verwirrung mehr stiften können in der täglichen Passiererei des Internets. Dieses Anarchiepotenzial des Postillon hat das Fernsehen nun erfolgreich domestiziert

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