Gernhardtologie

Bei Herrn Larbig fand ich einen kenntnisreichen Beitrag zu Robert Gernhardt Poetik-Texten (deren ich mich vor einiger Zeit auch schon einmal angenommen habe), den ich gerne zur Lektüre weiterempfehle.

Außerdem erschien – und das ist fast schon eine kleine Sensation – vor wenigen Tagen Tobias Eilers‘ Dissertation zu „Robert Gernhardt: Theorie und Lyrik. Erfolgreiche komische Literatur in ihrem gesellschaftlichen und medialen Kontext“ (Abb. o.), zu der der Autor eine eigene Microsite eingerichtet hat, auf der man das gewichtige Werk (576 S.) erfreulicherweise anlesen kann.
Das Inhaltsverzeichnis liefert hingegen zuverlässig die DNB, sodass sich schnell erschließt, dass Eilers Gernhardts Werk mithilfe dessen eigener Poetiktexte einer gründlichen Analyse unterzieht – ein vielversprechendes Unterfangen.
Ob das Werk allerdings die gewagten Versprechen wird einlösen können, die „Komiktheorien von der Antike bis in die Gegenwart“ zusammenzufassen und im gleichen Atemzug „die Poetik-Geschichte von den Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart, d. h. von Platon und Aristoteles bis Rühmkorf“ einzuholen, wie es im Vorwort heißt, muss die Lektüre noch unter Beweis stellen.

Humorkritik: Michael Kupperman

Um es kurz zu machen: Ich kann Michael Kuppermans surreale Comics, Werbeparodien und Kurztexte ohne Einschränkung empfehlen. Kupperman, 1966 in England geboren, schafft heute in Brooklyn an seiner eigenen Fassung einer Marken‑, Pop- und Kulturkultur, die vergangene und gegenwärtige Darsteller des öffentlichen Lebens ungeniert verrührt: So bewirbt Mickey Rourke in nostalgischem ‚Gartenlaube‘-Duktus eine eigene Kollektion von Schamhaarschablonen, und neben Büstenhaltern aus Nuss wird ein Kaugummi angeboten, der mit dem authentischen Geschmack der Geister verstorbener Indianer überrascht.

Kuppermans liebevoll gestrichelte Zeichnungen begeistern durch den Aufwand, mit dem sie Surreales, Absurdes, Dadaistisches in den Worten des Künstlers, „so ernsthaft wie möglich durchspielen“. Wenig verwunderlich, dass schon Kleinmichael Fernsehfan von Monty Python’s Flying Circus war. „My comic is humor for childish adults“, sagt der Künstler heute: eine Spielform der Komik, für die Forscher wie Rezensenten immer noch keinen rechten Ausdruck gefunden haben.

Dabei liegt der Begriff ‚Nonsens‘ nahe, ist dieser doch, zumindest in wissenschaftlicher Diktion „komisch, tendenzlos, textintern ausgerichtet und weicht von empirischen Tatsachen, logischen Gesetzen oder sprachlichen Regeln ab“, wie Peter Köhler weiß. Eine Definition, der noch hinzuzufügen wäre, dass Nonsens sich selbst ein stabiles Regelsystem errichtet, also das ‚Richtige im Falschen‘ behauptet. Dazu kann auch das Auslassen von Pointen oder der so überraschende wie sinnwidrige Wechsel des Bezugsrahmens gehören, für den die englische Sprache den lateinischen Ausdruck non sequitur verwendet, der mit ‚unlogische Schlussfolgerung‘ nur unzureichend übersetzt ist.

So kann Jesu Halbbruder Pagus – von dem die paganen (meint: heidnischen) Rituale abstammen – in seiner Freizeit auf einem Lavastrom durch sein unterirdisches Reich surfen und der Superheld The Mannister die Fähigkeit besitzen, sich in einen „bannister“, ein Treppengeländer also, zu verwandeln. Underpants-On-His-Head Man ist in dieser retro geschminkten Welt ebenso heimisch wie „Bambiffpow Jackson, there’s a fistfight in my very name!“.

Kuppermans lakonische Verbrechensbekämpfer Snake and Bacon brachten es 2009 sogar zu einer viertelstündigen Animationsserie (s.u.), von der allerdings nur eine Folge produziert wurde. Vielleicht war sie den Verantwortlichen zu unaufgeregt: Während Schlange jede Frage mit stets gleichem Zischlaut beantwortet, wird sie von Sidekick Speckstreifen durch bacon-bezogene Vorschläge der Form „Crumble me in a salad“ unterstützt.


© Michael Kupperman

Kenner komischer Künste werden sich beim Betrachten von Kuppermans Comickollektionen Snake ’n‘ Bacon’s Cartoon Cabaret (HarperCollins) und Tales Designed to Thrizzle (Vol. 1) (Fantagraphics) an Bill Griffith (den  Schöpfer von Zippy the Pinhead), den Briten Glen Baxter, das belgische Nationalheiligtum Kamagurka oder Eugen Egner erinnert fühlen: allesamt Wort-Bild-Künstler, deren Werk sich der Schaffung in sich stimmiger Parallelwelten widmet, die mit der uns bekannten lediglich über schmale Sinnbrücken verbunden sind.

Eine der wichtigsten Lektionen, die Kupperman seiner englischen Sozialisation entnommen zu haben scheint, ist die Verwendung trockenen Humors, der jegliches Schrille zwar nicht vermeidet, aber in einem Gewand maximaler Unaufgeregtheit präsentiert. Kupperman erreicht dies vor allem durch seinen holzschnittartigen Zeichenstil und seine nostalgisch-liebevolle Zuwendung zu allen vergänglichen Kulturphänomenen, die den Betrachter von vornherein in falscher Sicherheit wiegen.

Lautréamont hatte schon im 19. Jahrhundert das mot von der „zufälligen Begegnung zwischen einem Regenschirm und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch“ geprägt. Michael Kupperman ist es im 21. Jahrhundert vergönnt, dieser Begegnung das Zufällige zu nehmen und sie zu einer Kulturtechnik eigenen Ranges zu erheben. Ihm verdanken wir (unser Wissen um) pornografische Malbücher und die Etablierung der literaturwissenschaftlichen Erzählperspektive eines leckeren Hamburgers. Vor wenigen Wochen erschien Kuppermans jüngster Streich: eine illustrierte Autobiographie Mark Twains. Sie umfasst die Jahre 1910 bis 2010.

Übrigens: Wer lange Lieferzeiten scheut und jetzt gleich mehr von Kupperman haben möchte, möge sich bei Twitter einloggen. Dort plauscht nämlich ‚MKupperman‘ täglich mit seinen Followern.

Pilotfolge Snake and Bacon:

Das Ding mit der Com

Einen Britcom-Artikel geschrieben und dabei mal wieder festgestellt, dass die guten Ideen von der anderen Kanalseite in Deutschland entweder geklaut (The Office), bei Comedy Central unwürdig und sinnlos entstellt (Extras, Green Wing) werden oder schlicht importiert werden müssen (League of Gentlemen, Nathan Barley, Garth Marenghi, Mighty Boosh etc.). Importiert also bitte.

Crowdfunding

EXOT #12 erscheint pünktlich zum Weihnachtsfest. Damit wir unsere nächste Ausgabe noch toller und voller gestalten können, haben wir ein Crowdfunding-Projekt gestartet: 24 Extraseiten sind unser ehrgeiziges Ziel! Bitte unterstützt die Aktion unter diesem Link (oder über das Widget auf der rechten Seite) mit ein paar Klicks, wenn euch Komik, Literatur und komische Literatur am Herzen liegen. Natürlich kann #12 auch schon vorbestellt werden.

Komische Literatur

In der ausklingenden Woche schneiten einigen Neuzugänge meiner Bibliothek komischer/komiktheoretischer Literatur in den Briefkasten, die ich (mit einigen Einschränkungen) auch gerne weiterempfehlen möchte. Auf die Humoresken des Tschechen Hasek (vulgo: Hašek), für dessen „braven Soldaten Schwejk“ ich mich nie recht erwärmen konnte, wurde ich über eine Gernhardt-Humorkritik aus den 80ern aufmerksam, die Haseks Potential als routinierten Fabrikanten wertiger Lachprosa hervorhob. Habe leider noch nicht hineingeblickt, genausowenig wie in den Grümmer, daher recht flott weiter: In Tellkamps Poetikvorlesungen (der unter seinem NVA-Mützchen nicht gerade für den schwerelosen Umgang mit der conditio humana bekannt ist) findet sich sageundstaune ein Kapitel zur komischen Lyrik, das Tellkamp leider zu einer flusigen Kritik an den fein gefügten Gedichten der Kollegen Jacobs und Politycki nutzt. Ob hier eher literaturbetriebliche Animositäten, mangelndes Ironieverständis oder weltanschauliche Scheuklappen eine Rolle spielen, vermag ich nicht zu sagen. Auch ansonsten ist der Band recht disparat mit Prosagedichten, lyrischen Inhaltsangaben und Zitatcollagen aus Tellkamps alltime favourites gefüllt. Empfehlen kann ich dagegen die zwei Rowohlt-Bände, die den Eppendorfer Bären in all seiner (nicht unbedingt liebens-, aber achtenswerten) Eigentlichkeit vorführen. Zipperts Kolumnensammlung schließlich ist grundroutiniertes Komikhandwerk neuer Frankfurter Schule, immer wieder diszipliniert den Vulgaritäten des Alltags abgetrotzt und in fallhöhendichte Miniaturen komprimiert. Dass Zippert seine eigenen Ideen allerdings alle paar Monate recycelt, fällt in einer Tageszeitung vermutlich weniger auf als in einem gebundenen Sammlung: Hier wäre mehr Sorgfalt bei der Auswahl angebracht gewesen, ein Manko, das durch das hervorragende, an WimS gemahnende Bild-Text-Vorwort, aber mehr als ausgeglichen wird. Der kleine rote Gernhardt entstand am Rand dessen Essener Poetikvorlesungen und enthält außer einigen schwärmerischen Laudationes und einem wenig informativen Werkstattbericht nichts Neues. In toto: Zippert und Rowohlt guten Gewissens bestellen, den Rest überlassen wir lieber dem Sammler.

Das komischste Buch?

Liebe Freunde:
Um mithilfe der Schwarmintelligenz eine langandauernde ästhetische Diskussionen auf verzerrende Zahlen herunterzubrechen, die zu allem Überfluss Lyrik und Prosa, siebziger und nuller Jahre haltlos vermischen, wollte ich euch bitten, eure Stimme(n) dazu abzugeben, was ihr für das „komischste deutschsprachige Buch des späten 20. Jahrhunderts“ haltet. Es können mehrere Kästchen angekreuzt werden. Ich freue mich auf die Ergebnisse und danke Euch für Eure Zeit.

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Und hier noch einmal die Kandidaten:

Basisbibliothek komische deutschsprachige Literatur

Für die EXOT-Redaktion (Zeitschrift für komische Literatur) habe ich eine Basisbibliothek komischer deutschsprachiger Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts zusammengestellt: Die Basisbibliothek umfasst zurzeit fast 200 Titel lebender und toter Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Alle Bände enthalten Lyrik, Dramatik und/oder Prosa (Zeichner, Cartoonisten und Comiczeichner werden in Kürze in der Basisbibliothek komischer deutschsprachiger Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts an ähnlicher Stelle vorgestellt, ebenso ist eine Basisbibliothek komischer deutschsprachiger Hörbücher des 20. und 21. Jahrhunderts geplant).
Ich habe sorgsam darauf geachtet, dass sich im Inhalt der Bände keine Dopplungen finden. Vorschläge für die Aufnahme weiterer Titel und Autoren in die Basisbibliothek nehme ich dankbar entgegen. Zum Beispiel in den Kommentaren.